Ich war dreizehn Jahre alt und dachte mein Leben wäre zu Ende, als dieser Mann seinen Arm um mich legte und mein Vater verschwand. Ja ganz einfach verschwand, spanisch sprechend, mit einer jungen Dame, ging er zur Tür hinaus, in saus und Braus, kein Blick und er war weg. Neben mir die Fensterscheibe vom Tau bedeckt. Komm wir spielen ein Spiel, dachte ich mir, vielleicht Nikolaushaus oder Kreis, Punkt, Strich, wer gewinnt? Ich. Wie weit kann ich in die Wolken schauen? Der Fensterrahmen hält meine Augen noch vergraben. Vergraben im Wagon, im Sechserabteil, sehe ich den Himmel, ganz steil hinauf, zulaufend, stetig, ohne Ende, ohne Ziel. Ich würde so gerne sehen, aber meine Augen können nicht um die Ecke gehen. In der Ecke dieses Fensterrahmens liegen sie begraben. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann möchte ich auch mal eine riesige Portion Wolkesoufflé essen, so viel, dass sie mich fliegen lässt, über allen Ebenen. Und wenn ich hungrig bin, oder falle, oder mein Torso sich zusammenzieht, weil ihm die nahrvolle Wolkenluft fehlt, so schaue ich einfach nach links, strecke die Hand aus und nehm´s, wie einen riesigen Becker Joghurteis, fülle ich meinen Körper auf, mit dieser zart, kalten Speis´. In der Sahara war ich noch nie, ein Rentier habe ich auch noch nie gesehen und jetzt sitze ich hier und spiele Kreis, Punkt, Strich, meine Backe klebt bitterlich.

 

Wie lange kann man wohl kleben bleiben? Ich spüre meine Füße nicht mehr. Bin ich zu spät? Wo sind die Wolken hin? Gerade sah ich sie noch am Firmament und jetzt nichts, außer ein Nikolaushaus und eine schwere Hand auf meiner Haut.

 

Köln 08.10.2019 D.N.

 

 

G

anz glatte, seidig glatte Haut, keine Falte, ganz blass ein paar Sommersprossen auf der Nase. Keine Hackennase, auch keine Stupsnase, ein e schlanke wohlgeformte Nase. Ich habe mal gelesen, dass Menschen mit Nasen, deren Spitze über die Nasenlöcher hinausgeht, also quasi im Halbmond zur Oberlippe des Mundes hinzielt, strategischer denken und besser wirtschaften, im Finanzbereich, und generell im Leben. Frederik hat keine solche Nase, aber dafür Sommersprossen, ganz matt. Man sieht sie nur wenn man ganz nah vor ihm steht. Er steht vor dem Badezimmerspiegel, welcher über dem Waschbecken, dem ockerfarbenen Waschbecken, hängt. Als ich aufs Klo musste, sagte er, nein er sagte nicht, zuerst drehte er sich auf seinem grauen Plastik Bürostuhl zur Seite, Richtung Balkonfenster und dann sagte er ruhig, da sind so hässliche Vögel an den Wänden. Um zu pinkeln reichts, dachte ich mir nur und witzig, dass ihm diese schwarz aufgemalten Vögel so wichtig scheinen. Ist eben ein siebziger Jahre Bad, da sind wohl öfter Vögel. Schwarze. Ich überlege kurz, soll ich Hände waschen? Ja komm, aber dann mach ich´s doch nicht und öffne den Spiegelschrank. Nur um untersten Regal, eine Kernseife, Zahnpasta Pastillen, eine DR. Best Zahnbürste, Zahnseide, eine Gallseife und Seifenschampoo, in einer blitzend, leuchtend geputzten Plastikbox, im rechten Eck, wie fertig für eine große Wanderung gedeckt. Ich mache wieder zu und gehe raus, aus dem Bad. Frederik hat dunkelblondes, leicht orangeschimmerndes, volles Haar. Manche würden sagen Pferdehaar, weil es so dick und strohig ist. Aber es schützt ihn bestimmt gut, wenn er so viel draußen ist. In seinem Zimmer steht kein Rucksack, nur ein riesiger Geographie Atlas und ein Rüsseltier, zwischen Koalabär und Rüsseltier, grau, mit schwarzer Nase, sitzt es auf dem Holz Sims, neben der Tür, ein kleiner Kaktus winkt ihm zu. Laminatboden macht das Zimmer so kalt. Ich glaube hier ist alles Ikea. Bett, Regal, Schreibtisch, rot orangefarbener Teppich und mein Tee, welchen er mir brachte, Bio, von Pukka. Er kümmert sich, er ist ökologisch gewappnet. Was liest er so? Lonely Child. Und über dem Schreibtisch ein Pinboard mit zwei riesigen Brüsten im Dirndl, die von einer Postkarte herunter winken.

 

Köln, 8.10.2019 D.N.


G      ut, so beginnt es, also. Erste Seiten, die ich schreibe was tue ich, schreiben, also klein geschrieben nach jahrelanger Pause. Ich bin getrieben, fühle mich getrieben, dahingescheucht wie ein Esel, nach fünf Jahren Marathon Reitturnier im Theater, auf dem Feld der Arbeit, der Saat, des Säens und der Ernte, des Säens und der Ernte, und immer habe ich mir eine große wie ist die Ernte, ertragreich, also kleingeschrieben ertragreiche Ernte gewünscht. Und kam sie dann? Ja schon, man weiß es nicht, was ist denn letztendlich ertragreich? Welche Parameter machen mir kund, dass meine Ernte ertragreich ist? Wenn ich zufrieden bin und satt? Oder wenn meine Nachbarn mich loben und wollen das ich auch bei ihnen säe, damit ihr Acker ebenfalls so schön blüht wie meiner, duftet nach frischem, goldgelb funkelndem Mais, in der Sonne strahlendem gelben Mais? Oder wenn sich Menschen gerne auf meinem Acker aufhalten? Wenn mir mein Mais gut schmeckt und ich satt werde? Wenn ich meine Familie, die momentan noch nicht da ist, aber eventuell bald kommen könnte, ernähren kann, auch wenn es immer nur Mais ist? Wenn ich einen Preis für leckeren Mais erhalte? Vom Pfarramt meines Dorfes, oder eine Einladung zum Essen meines Nachbarn, weil er sich bedanken will für den Mais von letzter Woche? Wenn meine Bäume und Pflanzen im Garten grünen und wachsen, gesund aussehen und mir Früchte tragen? Wenn ich morgens aufstehe, und Lust habe aufzustehen? Wenn ich morgens aufstehe, und weiß, auch wenn nicht in Wörtern artikulierbar, noch benennbar, nicht einordbar in ein Wort oder eine Kategorie, aber körperlich spürbar, in meiner Brust, meinem Bauch, meinen Schultern und Armen, Becken und Wangenknochen, Augen und Ohren spürbar, in den Füßen kribbelnd, die strammen Waden bereit, also spürbar auch dort, dass es von Notwendigkeit ist, jetzt aufzustehen, auch wenn ich im ersten Augenblick nichts tue, außer schauen, die Welt anschaue? Dankbar darum sein, dass die Lärche vor meinem Fenster steht, und mich anschaut, oder wegschaut? Sie steht, und zeigt sich der Welt in ihrer Schönheit. Ich sehe sie nur weil ich mein Handy weggelegt habe, und mich ermutige nichts im Internet zu googeln während ich schreibe und schaue. Ja, es gibt viele Gründe zu denken ich hätte eine ertragreiche Ernte gehabt. Letztendlich muss ich ja zufrieden sein. Und was ist zufrieden? Ist das auch so ein neues Wort der heutigen Zeit? Zufriedenheit? Seit wann gibt es dieses Wort schon? Oder seit wann haben sich Menschen bewusst gefragt, oder danach gestrebt, mit etwas zufrieden zu sein? Mit sich, mit ihrem Körper, mit ihrem Haus, ihrem Schuh, dem Nagel, dem Unterarm, der Deckenleuchte, der kleinen Stehlampe, die aussieht wie ein Star Wars Roboter, dem Nudelholz. Ein Holznudelholz ist schon eine gute Sache, es ist stabil, bricht nicht gleich entzwei, hat eine lange Haltbarkeit die Haltbarkeit, also großgeschrieben nimmt nicht viel Platz, ist ökologisch wertvoller und nachhaltiger als ein Plastik, Kunststoff Nudelholz. Aber es ist eben immer nur Braun und nie bunt. Da muss man dann Abzüge machen. Aber wenn ich wirklich ein Ziel habe, zu Tagesbeginn, beim Aufgehen der Sonne, muss ich mir dann wirklich noch Gedanken um mein Nudelholz machen? Es würde mich nur wegtreiben vom Säen. Zudem hätte ich vielleicht Angst, ich könnte es verlegen, oder jemand klaut es mir, wenn er oder sie, sie oder es, zu Besuch sind. Aber gar kein Nudelholz zu haben, ist ja auch keine Lösung, oder? Nur weil man nicht abgelenkt werden möchte, durch die eigenen Ängste und Sorgen. Naja, ich säe, meine Saat, ich hatte keinen Lehrer. Ist das schlimm? Wenn ich selbst auf meine Fertigkeiten des Säens vertraue, brauche ich ja auch keinen. Keinen Lehrer. Aber ich weiß nicht ob mir hier und da, eventuell ein Kniff fehlt, ich vielleicht eine tolle Methode der Saatausbringung übersehen habe, mir sich eine Form, der Naturbegegnung für immer verschließen wird, verschlossen bleibt, weil mir diese eine, Information, die mir nur Frau L. geben könnte, noch nicht gebracht hat, weil ich nicht gefragt habe, da ich mich nicht in äußerliche Fragerei verrennen wollte. Es ist ja ein leidenschaftliches Unterfangen heutzutage stetig einen Workshop und einen Kurs für alles Mögliche zu machen, zum Nudelteigausrollen. Dort treffen sich dann zehn Bewohner der Stadt, um zu erfahren, an diesem einen Tag, von zehn bis fünfzehn Uhr, wie man Teig besonders dünn, a la italiana ausrollt. Oder vielleicht könnte ich zu einem Kurs, um zu erfahren wie ich meine Saat am besten werfen soll, eine bessere Wurftechnik erlernen könnte, damit die einzelnen Körner gleichmäßiger voneinander verteilt auf der Erde, auf meinem Acker auftreffen, und somit auch die Ecken meines Feldes besät sind. Manchmal ist dieser Gedanke noch in meinem Kopf. Ich habe nie einen Saatkurs besucht, auch keine Wurftechnik gelernt, vielleicht würde ich dadurch richtig viel Gewinn auf meinem Acker machen. Damit meine ich, Verkauf. Ich könnte einen Wurfkurs besuchen, mit der Hoffnung eine bessere Wurftechnik zu entwickeln um dann ertragreicher ernten zu können, um mehr davon verkaufen zu können und so Geld zu haben. Ich könnte denken, ich wäre ein besonderer Mensch, besonderer als mein Nachbar, der nur eine Kuh, zwei Hühner und ein Kartoffelbeet hat. Er hat zwar mehr Dinge, aber ich hätte mehr Gewinn. Darf ich mich deshalb über ihn stellen?

 

Köln, 06.10.2019 D.N.